Laudatio zur Vernissage von Monika Schwenk anlässlich der Präsentation des Hospizkalenders 2011
Gehalten in der Kreissparkasse in Bietigheim-Bissingen
am
6. Oktober 2010
von Christina Henselmann
Liebe Monika, sehr verehrte Damen und Herren,
augenscheinlich haben sie nichts gemeinsam und doch begegnen sie sich heute Abend:
Hospizarbeit trifft Malerei
Ich möchte Sie herzlich begrüßen als Zeuge dieses Treffens in der Vernissage von Monika Schwenk aus Balingen, Zillhausen. Schauen Sie sich an und um, was dieses außergewöhnliche Treffen mit sich bringt.
Hospizarbeit heißt sich loszulassen und einzulassen.
Malerei heißt sich einzulassen und loszulassen.
Johann Wolfgang von Goethe schrieb 1831: „Ein Landschaftsmaler muss viele Kenntnisse haben. Es ist nicht genug, dass er Perspektive, Architektur und die Anatomie des Menschen verstehe, sondern er muss sogar auch einige Einsichten in die Botanik besitzen, damit er das Charakteristische der Bäume und Pflanzen gehörig auszudrücken verstehe."
Monika Schwenk kam erst spät zur Landschaftsmalerei. Nachdem sie sich über Jahre anhand von Stillleben zeichnerische und malerische Qualitäten angeeignet hatte, entdeckte sie ihre Vorliebe für das Landschaftsmotiv. Schon früh in ihrem Schaffensprozess war zu erkennen, dass Monika Schwenk darum rang, nicht nur abzubilden. Ihre Sehnsucht, sich auf die Einzigartigkeit ihrer Motive einzulassen, alte hindernde Vorstellungen loszulassen und so den Charakter der abzubildenden Dinge zu erfassen, motivierte sie über die Jahre hinweg, verschiedene Techniken und Malweisen auszuprobieren. Heute ist in Monika Schwenks Bildern spürbar, dass sie längst den naturalistischen Anspruch an Form, Perspektive und Farbe überwunden hat. Ihr Umgang mit dem Motiv wurde über die Jahre immer leichter, lockerer und befreiter. Nur ihr Drang, sich tief auf das Motiv einzulassen, ermöglichte ihr ein Loslassen desselbigen.
Seit ca. 8 Jahren ist Monika Schwenk jetzt in der Kunstszene im Zollernalbkreis präsent und an verschiedenen Ausstellungen beteiligt. Heute wird, nach 2005 und 2009 in Balingen, zum 3. Mal der Hospizkalender mit Bildern von ihr vorgestellt, der Baden - Württemberg weit herausgegeben wird.
“Der Maler soll nicht bloß malen, was er vor sich sieht, sondern auch was er in sich sieht. Sieht er aber nichts in sich, so unterlasse er auch zu malen, was er vor sich sieht.“ Angesichts dieser Warnung des Romantikers Caspar David Friedrich können wir bestätigen, dass hier eine Künstlerin ausstellt, die nicht nur vor sich, sondern auch viel in sich sieht.
Hospizarbeit verlangt, sich dem stets wandelnden Augenblick
zu stellen.
Das Aquarell verlangt, sich auf den augenblicklichen Wandel
einzustellen.
Monika Schwenk lässt ihre Malereien, welche wie Momentaufnahmen vom Bodensee, der Alb, aus Italien oder Frankreich scheinen, aus sich heraus entstehen. Vor dem Motiv in der Natur sitzend, lässt sie die Bildlösung intuitiv sich gestalten. Schauen wir auf den November, geht es uns wie dem französischen Impressionist Renoir, der schwärmte: “Ich liebe Bilder, die in mir den Wunsch erwecken, in ihnen herumzuspazieren, wenn es Landschaften sind.“
Spazieren Sie mit mir. Wanderschuhe sind zu empfehlen, denn die Landschaft, die mit dickem Pinsel angelegt ist, breitet sich sanft hügelig vor uns aus. Wir marschieren durch ein buntes Feld - sind es Sonnenblumen oder Korn? - zu einem lieblichen Blumenmeer, das, mit Farbspritzern vor den Häusern, die der Perspektive gleichgültig gegenüberstehen, aus dem Boden schießt. Zypressen, die mit ihren markanten Formen die Bildrhythmisierung bestimmen, führen uns an lichten, fast transparent scheinenden Olivenbäumen und leuchtenden Feldern vorbei, einem Himmel entgegen, der seine aufbäumende Kraft im blaugrünen Feld rechts neben den Häusern widerspiegelt. Kleine, feine zurückhaltende Details, wie die liebevoll gesetzten Fenster der Häuser, die Gebäude bergan oder die mit Graphitstift angedeuteten Baumkronen, fügen sich in die Landschaft ein und beleben die Bildstruktur. Wir wandern durch eine Landschaft, die sich, kompositorisch ausgewogen und in sich stimmig, vor uns ausbreitet. Wir wandern durch bunte Flächen, durch gewollte und zufällige Form, durch Festes und Fließendes.
Deutlich formuliert sich uns die Herausforderung der Aquarellmalerei, die stets dem sich wandelnden Augenblick ausgesetzt ist. Farben fließen ineinander und entstehen als neue Farbtöne und Farbflächen, auf die es sofort zu reagieren gilt. „Die Aquarellmalerei“, so Monika Schwenk, “ist deshalb meine bevorzugte Maltechnik, weil durch das Zusammenspiel von Wasser und Farbe auf dem Papier oftmals ganz überraschende Dinge entstehen, die “einmalig”, nicht wiederholbar sind, und die ich als Geschenk empfinde.“ Wir ahnen, mit welch schöpferischer Hingabe Monika Schwenk arbeitet. Es ist ein Agieren aus dem Moment, ein Durchfließen lassen der Stimmung, die sich ihre Form sucht und die erst nach dem letzten Pinselstrich ein Zurücktreten und ein Reflektieren über das Erschaffene erlaubt.
Hospizarbeit ist die Fähigkeit, auf das Wesentliche zu
reduzieren.
Malerei ist die Fähigkeit, das Reduzierte als das Wesentliche zu
erkennen.
Aquarell ist die Technik des Unauslöschlichen. Getane Pinselstriche sind aus dem Bild nicht mehr zu entfernen. Es erfordert Mut, sich in das Weiß des Blattes zu begeben, die Angst vor einem Fehler hinter sich zulassen und gleichwohl das Gespür zu hüten, rechtzeitig den Pinsel abzusetzen, wenn der Bildausdruck das verlangt. Monika Schwenk hat dies feine Gespür. Sehen wir uns den August an, erkennen wir, dass erst die Blüten, die sich aus ihrer Negativform heraus gestalten, präsent dem Betrachter entgegen wachsen und ein dichtes Blütenmeer empfingen lassen. Sehen wir den Februar, ist es ein Märzenbecherfeld, das sich, aufgrund des Weglassens, erst vor unserem Auge gestaltet. Sehen wir den März, begleiten uns Felder, flächig angelegt, die, reduziert auf das Wesentliche der Landschaft, dem Betrachter Raum anbieten, um bei seinen eigenen Stimmungen und Gefühlen anzukommen. Monika Schwenk erlaubt uns, hinter das Abbild zu spüren und das Wesentliche zu erahnen.
Hospizarbeit ermutigt, die Gegensätze des Lebens und des
Todes zu vereinen.
Das Aquarell ermutigt, die Gegensätze herauszufordern.
Wer sich umschaut, wird erkennen, dass hier eine Künstlerin ausstellt, die die Farbgegensätze herausfordert. Monika Schwenks Malereien leben von ihrer Gabe, intuitiv die Farbe, die die Komposition verlangt, in einer Ausgewogenheit zu setzen, die das Bild als harmonisches Ganzes entstehen lässt. Ihre Farben sind intensiv und leuchtend. Ihre Farbpalette reicht stets vom sonnigen Kadmiumgelb über das aktive Karminrot bis hin zum tiefblauen Ultramarin. Es ist, als webe Monika Schwenk mit einer unglaublichen Leichtigkeit ein Farbgeflecht, welches einer inneren Ordnung folgend sich zusammenfügt, und in der es niemals ein zuviel einer Farbnuance gibt. Im Gegenteil, die Farben ordnen sich zugunsten des Ganzen unter und können sich so in ihrer Intensität gegenseitig steigern. Kann der rote Mohn im Vordergrund des Julis nicht nur deshalb so betörend leuchten, weil er durch seine blaue Komplementärfarbe im Hintergrund gereizt wird? Und führt uns nicht geschickt zwischen dem Kalt - Warm - Kontrast vermittelnd das warme Gelb einladend in das Bild hinein? "Die Natur“, so Paul Cezanne, „ist nicht an der Oberfläche, sie ist in der Tiefe. Die Farben sind der Ausdruck dieser Tiefe an der Oberfläche. Sie steigen aus den Wurzeln der Welt auf." Auch Monika Schwenk zeigt uns die Tiefe der Natur durch ihre Farben. Es sind die leuchtenden Kontraste, die, vor keiner Konfrontation zurückschreckend, uns berühren, es ist die Leichtigkeit ihres Farbrhythmus, der uns im Motiv baden lässt, es ist das freie Spiel ihres Farbkanons, das Raum erschafft und uns die Stimmung einatmen lässt.
Hospizarbeit ist das Loslassen in das Formlose.
Malerei ist das Erfassen des Formlosen.
Gönnen Sie sich, jetzt in dieser kalten Herbstzeit, einen tiefen Atemzug vor dem Julibild und Sie werden augenblicklich umschwirrt sein von dem Zauber der toskanischen Mittagshitze mit ihrem Grillengezirpt, sich in einem wippenden Mohnfeld stehen wähnen. Wenn Sie sich, umfangen vom Mohn, ergreifen lassen von den fröhlich, heiteren Farbmelodien der Malereien, verstehen Sie Monika Schwenk, wenn sie sagt: „Gerne male ich in der Natur. Ich versuche in meinen Bildern den ganz eigenen Zauber oder die besondere Atmosphäre einer Landschaft einzufangen.“
Lassen Sie sich mitnehmen von der Künstlerin Monika Schwenk zum Erfassen des Formlosen, das ihre Bilder trägt. Lassen Sie sich auf einer inneren Ebene berühren. Der Schlüssel dazu ist das freie, ungezwungene Spiel der Farbe.
Hospizarbeit muss gesehen werden, um zu überleben.
Malerei muss gesehen werden, um zu leben.
Ich lade Sie heute Abend ein – zu sehen.
Herzlichen Dank!
Christina Henselmann
