Das persönliche Erbe passt in kleine Boxen

Mi, 20.11.2013

Hospizgruppe Balingen zeigt Ergebnis der Playing-Arts-Aktion von Silvia Häfele als Ausstellung im Stadthallenfoyer

Was habe ich geerbt, was vererbe ich? Unter diesem Leitgedanken starteten Silvia Häfele und die Hospizgruppe ein Playing-Arts-Projekt. Das Ergebnis: 63 Schachteln, die Geschichte und Geschichten aufbewahren.

Jasmin Alber

Balingen. Am Anfang stand die Auseinandersetzung mit der Frage, was man (ver-)erbt, beschreibt Silvia Häfele den Entstehungsprozess der Schachtel-Aktion. Was ist Erbschaft, was nicht? Damit hat sich die Künstlerin auseinander gesetzt. Ein weites Feld, wie sie feststellte, denn es geht nicht nur um das materielle, sondern auch das immaterielle, persönliche Erbe: Jeder, mit dem sie über dieses heikle Thema gesprochen hatte, „hatte eine Geschichte zu erzählen“, so Silvia Häfele, die sich ehrenamtlich in der Hospizgruppe engagiert. Wer kenne keine Aussagen, wie: „Das hat er von mir geerbt“, wenn es beispielsweise ums Aussehen oder Charaktereigenschaften geht.

Im Zusammenarbeit mit der Hospizgruppe startete sie deshalb ein besonderes Playing-Arts-Projekt das ist ein ästhetisches Kunstprojekt, das den Teilnehmern ermöglicht, schöpferisch aktiv zu werden. 200 Schachteln wurden versandt und über Freunde verteilt. Einzige Vorgabe: Die Schachtel soll von den Empfängern gestaltet und möglichst in einem kurzen Text erläutert werden. 63 Schachteln kamen zurück. Teilweise aus der Region, aber auch aus Flensburg und Zürich, Berlin oder Leipzig, ergänzt Pfarrer Christof Seisser. Auch er hat Schachteln auf einer Tagung in der Schweiz an einige Kollegen verteilt. Die flachen schwarzen Boxen wurden nämlich bewusst nicht ausschließlich von Künstlern gestaltet, erläutert Silvia Häfele. Die Schachteln wurden facettenreich gestaltet sei es mit (alten) Fotos, Postkarten, Gedichten, Zeichnungen oder kleinen Basteleien und Handarbeiten.

Das Ergebnis kann noch bis Ende dieses Jahres im Stadthallenfoyer besichtigt werden. Mit dieser Aktion wolle man die Leute dazu anregen, sich der Endlichkeit des Lebens bewusst zu werden, unterstreicht Dr. Rolf Schlagenhauf, Vorsitzender des Hospizgruppen-Fördervereins. „Heutzutage dreht sich viel um das Thema Gier“, meint der Mediziner. Man könne aber aus diesem Leben nichts mitnehmen. „In der Schachtel hat nur das Wichtigste Platz“, knüpft Silvia Häfele daran an. Und das ist meist das Immaterielle, wie Emotionen, Erinnerungen, Wesenszüge oder das Aussehen. „Jede davon ist ein sehr persönlicher Ausdruck der eigenen Erbschaft.“

Für die Organisation der Ausstellung zeichnete Hospizgruppen-Koordinator Eduard Maass verantwortlich. Er sei auf Stadthallengeschäftsführer Ulrich Klingler zugegangen der gleich das Foyer als Ausstellungsraum zur Verfügung gestellt habe. Davon profitieren beide Seiten, weiß Klingler. Er habe schon beobachtet, dass die Schachteln das Interesse vieler Theaterbesucher geweckt haben; und das nicht nur als Zeitvertreib, bis die Vorführung beginnt. „Die Leute beschäftigen sich richtig damit“, sagt er. Eduard Maass sorgt auch dafür, dass die besonderen Boxen Ende des Jahres nicht in Vergessenheit geraten: Ab Januar kann die Ausstellung über den Hospiz- und Palliativverband des Landes ausgeliehen werden. Erste Anfragen gibt es bereits.

(aus: Zollern-Alb-Kurier vom 20.11.2013, mit freundlicher Genehmigung der Autorin)