Persönlicher Einblick in ein Tabuthema

Fr, 07.02.2014

Die Künstlerin Silvia Häfele hat Erbschaftsgeschichten von 63 Menschen gesammelt und zeigt sie nun in einer Ausstellung

Von unserem Redaktionsmitglied Evgenij Krasovskij

Schorndorf.

Das Erbe – viele Menschen denken nicht gerne daran. Das Thema birgt häufig die Konfrontation mit dem eigenen Tod oder dem eines geliebten Verwandten. Die Balinger Künstlerin Silvia Häfele hat Menschen aufgefordert, mit dem Tabu zu brechen. Bis Ende Februar sind die Ergebnisse dieses besonderen Kunstprojektes in einer Ausstellung in der Volksbank zu sehen.

Eher zufällig sei sie vor zwei Jahren auf das Thema aufmerksam geworden, sagt Silvia Häfele bei der Vernissage. „Eine Freundin meinte zu mir, als ihr Kind über Kopfschmerzen klagte: Das hat er von mir geerbt.“ Diese spontane Aussage brachte die Künstlerin aus Balingen damals dazu, sich intensiver mit dem Thema Erben und Erbschaften zu beschäftigen. „Sind diese Kopfschmerzen wirklich ein Erbe oder ist es nur eine Behauptung?“, fragt sie die im Vorraum der Bank anwesenden Gäste. „Ist Erben grundsätzlich etwas, was nur nach dem Tode eines Menschen stattfindet, und was kann man alles außer den materiellen Dingen erben oder vererben?“ Immer mehr neue Fragen stellten sich Silvia Häfele, als sie über das Thema nachdachte.

In Gesprächen mit anderen Menschen hörte sie viele Geschichten, die ihr Interesse weiter weckten. „Dann entstand der Wunsch, diese spannenden Geschichten zu sammeln“, sagt Silvia Häfele. Doch das war nicht das einzige Anliegen der Künstlerin.

„Ich wollte die Menschen anregen, sich durch das Thema auch mit dem Thema Tod zu beschäftigen“, sagt die 54-Jährige, die als medizinisch-technische Radiologieassistentin arbeitet. „Das Sterben ist ein Teil des Lebens. Es ist befreiender, wenn man sich damit beschäftigt und es nicht immer wieder verdrängt.“ So entstand die Idee für das außergewöhnliche Kunstprojekt „Erbschaftsangelegenheiten“.

200 Kartons gehen auf eine Reise durch ganz Deutschland

Es war Herbst 2012, als die Künstlerin dann 200 postkartengroße schwarze Schachteln an Freunde, Bekannte und Arbeitskollegen in ganz Deutschland verschickte – mit der Bitte, sie weiter zu streuen. In den Schachteln fanden die Angeschriebenen eine Einladung, bei dem Projekt mitzumachen, kleine impulsgebende Fragen zum Thema Erben und die Bitte, die gestaltete und mit einer Geschichte gefüllte Schachtel wieder an die Absenderin zurückzuschicken. Thematische Begrenzungen gab es nicht, der Kreativität war freier Lauf gelassen. Wenige Monate später fanden dann tatsächlich 63 Schachteln wieder den Weg zu Silvia Häfele zurück. „Eine kam sogar aus Berlin“, sagt sie stolz. Alle Kartons sind auf unterschiedlichste Weise mit Fotos, Postkarten, Gedichten, Zeichnungen und Handarbeiten gestaltet. Alle bieten einen tiefen Einblick in die persönliche und oft berührende innere Auseinandersetzung der Menschen mit ihren Erbschaftsangelegenheiten. „Der Entschluss, die eigene Geschichte in der Schachtel dann auch tatsächlich sichtbar zu machen, wurde zu einem Schritt, der auch ein Stück Überwindung nötig machte“, das sei ihr bei der Sichtung der Rücksendungen deutlich geworden sagt Silvia Häfele. Zugleich war sie überrascht und berührt von der Offenheit der Absender.

Kinderhospizdienst als Träger der Ausstellung

Die kreativ gestalteten Schachteln und die dazugehörenden Texte sind nun in den Räumen der Schorndorfer Volksbank zu sehen. Träger der Ausstellung ist der Kinderund Jugendhospizdienst Sternentraum. Seit 2006 betreuen die Mitarbeiter des Dienstes im gesamten Rems-Murr-Kreis Familien mit schwerstkranken Kindern oder Eltern. Sie begleiten nicht nur während der Krankheitsphase, sondern bieten auch Trauergruppen an für Eltern, deren Kinder den Kampf gegen die Krankheit verloren haben, oder für Kinder, die den zu frühen Verlust eines Elternteils verkraften müssen.

Die zunächst ungewöhnlich scheinende Verbindung zwischen der Künstlerin Silvia Häfele und dem Kinderhospizdienst ist auf den zweiten Blick gar nicht so ungewöhnlich. Die Balingerin arbeitet nämlich selbst seit rund 13 Jahren ehrenamtlich in einem Hospiz. Bei ihrem Kunstprojekt wurde die 54-Jährige von Anfang an vom badenwürttembergischen Hospizund Palliativverband und der Balinger Hospizgruppe unterstützt. Ende letzten Jahres war die Ausstellung von Silvia Häfele schon in Balingen zu sehen. Jetzt geht sie mit ihrem Kunstprojekt auf Wanderschaft durch Städte der Region. „Wir haben uns sehr bemüht, dass die Ausstellung auch zu uns nach Schorndorf kommt“, sagt Kirsten Allgayer vom Kinderund Jugendhospizdienst Sternentraum. „Die Auseinandersetzung mit dem Thema ‘Was vererbe ich oder was bleibt von mir auf der Welt’ ist auch für die Kinder, die wir betreuen, sehr wichtig.“

Silvia Häfeles Ausstellung „Erbschaftsangelegenheiten“ läuft bis Freitag, 21. Februar. Sie kann kostenlos während der Öffnungszeiten der Bank besichtigt werden.

Geschichten gesucht

  • Silvia Häfele möchte weiterhin Erbschaftsgeschichten sammeln.
  • Zu diesem Zweck liegt in der Ausstellung ein Gästebuch aus.
  • Ebenfalls können Interessierte ihre Geschichten, Fragen oder Anregungen per E-Mail über erbschaftsangelegenheiten [at] web [Punkt] de an die Künstlerin senden.

Info

Für Gruppen bieten die Mitarbeiter des Kinder- und Jugendhospizdienstes Führungen an. Weitere Informationen dazu und allgemein zum Kinderhospizdienst gibt es unter 07191/3 73 24 32.

Dieser Artikel ist am 1. Februar 2014 in den Schorndorfer Nachrichten erschienen und darf mit freundlicher Genehmigung der Redaktion hier veröffentlicht werden. Bilder: Büttner.