Es bleibt mehr, als man denkt

Fr, 11.04.2014

Bewegende Eröffnung der Ausstellung „Erbschaftsangelegenheiten“

Geht jemand zur Bank oder Sparkasse in Erbschaftsangelegenheiten, so dreht es sich um Geld. Wer gegenwärtig die Schalterhalle der Metzinger Kreissparkasse betritt, kann andere Erfahrungen machen.

Wieland Lehmann

Metzingen. Stolz schwingt in der Stimme mit, bemerken Mutter oder Vater zu ihrem Sprössling: „Der (Die) kommt ganz nach mir.“ Nun weiß man seit Gregor Mendel längst, dass genetische Merkmale vererbbar sind, und seit der Molekulargenetik der 1940er Jahre in welchem Maße. Doch nicht nur Gene prägen Aussehen, Einstellungen und Verhalten des Menschen.

Der Künstlerin Silvia Häfele, Mitglied der Balinger Hospizgruppe, ließ eine solche Bemerkung keine Ruhe, ihr Interesse war geweckt. So sammelte sie Geschichten zu Behauptungen, erfuhr dabei, dass mehr als nur biologische Bedingungen das Erben bestimmen. Im Förderverein der ökumenischen Hospizarbeit Balingen und des Hospiz- und Palliativ-Verbands Baden-Württemberg fand sie Partner, um solche Geschichten der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. 200 postkartengroße Schachteln wurden verschickt mit der Bitte, diese zum Thema Erben zu gestalten. 63 kamen zurück und sind nun auch in der Schalterhalle der Sparkasse zu sehen. Am Freitag wurde die Ausstellung eröffnet.

Da hängt eine Brille in der Schachtel, zu lesen ist: „Und manchmal seh’ ich die Welt mit deinen Augen.“ Ein Parkettstück erinnert an die Arbeit des Vaters in einer solchen Fabrik, erinnert an das Gefühl des Reichtums, wenn man mit so vielen Bauklötzen spielen konnte. Ein Schlüssel hängt vor dem Bild von Häusern, die längst schon abgerissen sind. Der Abdruck eines Schildkrötenpanzers erinnert an die Walz des Opas. Und was bedeuten die zu einem Muster gelegten Erdnüsse und Erdnussschalen, welche Erinnerungen werden dabei wach? Vor dem Bild mit dem alten Besteck der Tante fordert die Frage heraus: „Und wer löffelt die Suppe aus?“

Es sind nicht nur kleine Gegenstände und Erinnerungsstücke, die sich in den Schachteln befinden. Es sind auch Bilder, Sprüche, Zeichnungen. Manchmal reicht die Kombination einzelner Worte. Jede Schachtel ist auch in unterschiedlichster Art künstlerisch gestaltet. All das setzt Assoziationen frei zu denen, die sich mit diesen Schachteln mit dem Erben in individuellster Art beschäftigt haben. Es lassen sich Beweggründe erahnen, Gefühle spüren. Und es geht nicht nur um den Rückblick auf Familien. Der uralte Koffer der Freundin, der Ginkgobaum, der vom Trieb des Baumes des zu früh gegangenen Freundes stammt, auch die Klänge von Melodien – das Erben hat vielfältige Gestalt. Es fehlen auch die Gedanken daran nicht, was vom eigenen Leben bleibt, also auch zum Erbe wird.

Ein Hospiz ist die Einrichtung zur Begleitung Sterbender. Mit dem Tod oder seinem Nahen erhält die Frage des Erbens ein besonderes Gewicht. Die Ausstellung macht bewusst, dass Erben durchaus nicht nur zu diesen Zeiträumen bewegt und bewegen kann. Melitta Hoch, Vorsitzende der Hospizgruppe Metzingen/Ermstal, drückte ihre Freude darüber aus, dass diese Wanderausstellung so zeitig in der Sieben-Keltern-Stadt gezeigt wird, schärft sie doch die Sinne für die Hinwendung zur ehrenamtlichen Tätigkeit in diesem Bereich. Und Oberbürgermeister Dr. Ulrich Fiedler, selbst im Beirat der Hospizgruppe, machte deutlich, dass die Arbeit der rund 50 Ehrenamtlichen der Gruppe und der Hospiz-Gedanke in die Öffentlichkeit zu tragen sind. Die Ausstellung sei dazu ein „spannendes, tiefsinniges“ Projekt.

Die Regionaldirektorin der Kreissparkasse, Margit Rapp, verwies darauf, dass Erben also nicht nur ein Geldthema ist. Das Holzbläserensemble der Musikschule unter Leitung von Julian Trieb gab der Eröffnung der Ausstellung einen würdigen musikalischen Rahmen.


Quelle: Metzinger-Uracher Volksblatt / Reutlinger Nachrichten, Nr. 64 vom 18. März 2014
Foto: Metzinger-Uracher Volksblatt / Reutlinger Nachrichten