Einen neuen Blick wagen

Do, 12.06.2014

Ausstellung im Foyer der Sparkasse Hockenheim: 63 Menschen haben sich künstlerisch mit dem Thema Erbschaft auseinandergesetzt

„Erbschaftsangelegenheiten”. Ein sperriger Begriff, bei dem wir zunächst an Aufteilung von Besitz und Geld, an bürokratische Prozesse denken. Man kann ihn aber auch ganz anders, weiter und völlig unökonomisch betrachten. Darum geht es der Balinger Künstlerin Silvia Häfele, die ihre Ausstellung unter dieses ungewöhnliche Motto stellt.

In Zusammenarbeit mit dem Förderverein der ökumenischen Hospizarbeit in Balingen und dem Hospiz- und Palliativverband Baden-Württemberg wurde die Werkschau als Wanderausstellung konzipiert, die bis zum 1. Juli Station im Foyer der Sparkasse macht. Hockenheimer Träger sind der Verein Vita Vitalis und der ambulante Hospizdienst der kirchlichen Sozialstation.

63 Menschen haben sich an dem Projekt beteiligt und sich in eigens dafür vorgesehenen Kartonkästen mit dem Thema „Das habe ich von ihr/ihm, meiner Familie geerbt” auseinandergesetzt. Intensiv und künstlerisch anspruchsvoll. Ausstellungs-Koordinator Eduard Maass vom Förderverein der ökumenischen Hospizarbeit in Balingen nimmt dazu ganz persönlich Stellung: „Ich habe von meiner Mutter einen Schlitten geerbt, den würde ich für alles Geld in der Welt nicht hergeben.”

„Ich fand nicht sofort Zugang zum Thema, war dann aber tief berührt von den Exponaten und Geschichten”, betont Sparkassenfilialdirektor Michael Greul bei der Vernissage, die das „Hockenheimer Saxophonquartett” musikalisch eröffnet. Wie ihm ergeht es vielen. Ein Stutzen zunächst, Verwunderung, dann Begeisterung. „Wir wagen mit der Ausstellung einen neuen Blick”, bringt es auch Vita-Vitalis-Vorsitzender Adolf Härdle auf den Punkt.

Dieser neue Blick aber, wie offenbart er sich? Nicht mit einem Paukenschlag und schon gar nicht mit erhobenem Zeigefinger. Vielmehr leise und unaufdringlich. Er entsteht, wenn wir die Exponate anschauen, uns Zeit nehmen, die Geschichten an uns heranlassen.

Das Foto eines Koffers. Braun und alt, Schlösser aus Metall. Dazu der Text „Sie starb, meine Freundin, so früh ist es geschehen, doch etwas Wichtiges hat sie mir hinterlassen, den uralten Koffer, ich kann es kaum fassen.” Oder ein Schlüssel, auf einem Foto in Schwarzweiß angebracht, eine Erinnerung an die Urgroßeltern. „Mein Erbteil ist ein Schlüsselbund, zu dem es keine Schlösser mehr gibt in dem alten, geräumigen Haus, das lange schon nicht mehr ist.” Wir bekommen Einblick in ganz persönliche Lebenswelten, lesen Trauriges, Schönes, sind ganz nah an den Menschen dran, erfahren das – und nur das – , was sie uns preisgeben wollen.

Andere wiederum gehen das Thema abstrakter an. Ein angefangenes Strickzeug, dem Begriffe zugeordnet werden. Kreativität, Muster, Fähigkeiten. Die Erläuterungen dazu: „Wird vorgelebt und vererbt”, „Erziehungsmuster werden vererbt” „Lernen durch Nachahmung”. Eine solche Herangehensweise regt zum Nachdenken an, lässt eigene Gedanken zum Thema entwickeln.

Am meisten berührt jedoch das Exponat, das nicht mehr enthält als ein Parkettholz. Es erzählt davon, dass der Vater nach dem Krieg in einer Parkettfabrik gearbeitet hat. Warm war es da in der Wohnküche und das Kind hatte etwas zum Spielen. Viele Jahre später gibt der alte und kranke Vater seinem erwachsenen Kind ein solches Parkettholz mit den Worten „Ich habe es für dich aufgehoben, du hast doch immer so gern damit gespielt”. Hier erfahren wir hautnah, was es bedeuten kann, wenn wir etwas vererbt bekommen. Nicht Geld und Besitz, sondern ein Relikt aus vergangenen Zeiten, ein Stück Holz, das für eine ganze Kindheit steht.

Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung von der Verfasserin Elke Barker (elb)

Die Ausstellung ist bis zum 1. Juli 2014 zu den Öffnungszeiten der Sparkasse Montag bis Freitag, 8.30 bis 12.30 Uhr, Montag und Donnerstag, 14 bis 18 Uhr, Dienstag und Freitag, 14 bis 16 Uhr, zu sehen.