Am Ende zählt der Mensch

Di, 14.10.2014

Anlässlich des Welthospiztages am 11.10.2014

In Ruhe sterben: Birgit Schafitel-Stegmann und Pfarrer Christof Seisser gründeten vor 18 Jahren die erste Hospizgruppe im Zollernalbkreis.

von Lydia Wania

„Mein Vater hatte wahnsinnige Schmerzen. Dadurch konnte er sein Lebensende nicht mehr gestalten“, erzählt Birgit Schafitel-Stegmann. Geprägt durch diese Erfahrung meldete sie sich auf eine Annonce im Kirchenheft, als ein Mitbegründer für eine Balinger Hospizgruppe gesucht wurde. „Dekan Baumann fragte mich, ob ich als Krankenhausseelsorger das machen möchte“, erinnert sich Pfarrer Christof Seisser, wie er zur Hospizarbeit kam. Gemeinsam riefen der evangelische Pfarrer und die katholische Ehrenamtliche die ökumenische Hospizgruppe Balingen ins Leben. Eine Albstädter, Meßstetter und Hechinger Gruppe folgten.

Im Jahr 2013 unterstützen die Ehrenamtlichen 31 Sterbende und ihre Angehörigen. „Das sind rund 1200 Stunden Begleitung“, weiß Pfarrer Seisser. In diesem Jahr seien es schon 27 Sterbende gewesen, die von ihnen in ihren letzten Stunden betreut wurden.

Wie lange eine solche Betreuung andauert, ist sehr unterschiedlich. „Die Frage ist, wann ist ein Mensch ein Sterbender?“, sagt Pfarrer Seisser. „Meist kommen irgendwann die Angehörigen zu einem Punkt, an dem sie nicht mehr können“, erklärt Schafitel-Stegmann. Oft werden sie dann gerufen. „Die meisten Sterbefälle sind innerhalb des ersten Betreuungsmonats“, weiß Seisser. Ausnahmen gebe es aber natürlich immer. Auch die Vermittlung daure aufgrund der Organisation rund zwei Tage. „Wir sind kein Notarzt“, sagt Seisser. Die Begleiter arbeiten ehrenamtlich und müssten das mit anderen Verpflichtungen in Einklang bringen. Koordiniert werden die Einsätze von Eduard Maass.

Ihren Sitz hat die Balinger Hospizgruppe im Senator-Kraut-Haus in der Hindenburgstraße. Dort ist neben Schulungsräumen und einer Bibliothek auch ein Sterbezimmer eingerichtet. „Das wird fast nicht mehr genutzt“, sagt Seisser. „Die Menschen möchten eigentlich immer zu Hause sterben“, erklärt Birgit Schafitel-Stegmann den Grund. Durch die Einrichtung der spezialisierten, ambulanten Palliativversorgung des Sozialwerks Hechingen und Umgebung sei dies nun häufig gut möglich. Der Dienst organisiert die Pflege und medizinische Versorgung der Schwerstkranken und vermittelt Sterbebegleiter. Neben der seelischen Betreuung von Betroffenen und Angehörigen helfen die Ehrenamtlichen der Hospizgruppe auch bei Fragen zur Schmerztherapie und klären über ganz normale Vorgänge des Sterbens auf. „Sterbende hören in der Regel auf zu essen“, weiß Birgit Schafitel-Stegmann. Sie verhungern nicht. Eher im Gegenteil, das Verhalten setze Endorphine frei, so dass es dem Strebenden besser gehe. „Am Ende des Lebens braucht der Mensch keine körperliche Nahrung mehr, sondern nur noch seelische“, sagt Seisser. Angehörige seien hier oft einem Konflikt ausgesetzt, sie möchten, dass ihr geliebter Mensch isst, dieser will aber nicht mehr. „Lasst die Leute in Ruhe sterben“, fordert Birgit Schafitel-Stegmann. Dieser Auffassung seien inzwischen auch viele Ärzte und Krankenhäuser. Zu Beginn ihrer Arbeit sei das nicht so gewesen. „Eine Patientenverfügung war anfangs noch nicht Standard“, sagt Pfarrer Seisser.

In den vergangenen 18 Jahren hat sich in der Balinger Hospizgruppe viel bewegt. Zahlreiche kreative Köpfe setzen ihre Ideen in zum Thema Hospiz in verschiedenen Medien um: Jährlich erscheint ein Hospizkalender der Künstlerin Monika Schwenk, Eduard Maass schrieb „Das Buch vom Abschied“, Silvia Häfele und Stefan Hofele machten zwei Filme zum Thema. Auch eine entsprechende CD unter der Regie von Chordirektor Helmut Maier gibt es.

„Jegliches hat seine Zeit“ – Veranstaltungen und Informationen

Aktion Eduard Maass beantwortet heute von 9.30 bis 12.30 Uhr Fragen zum Thema Hospiz in der Balinger Geschäftsstelle des ZOLLERN-ALB-KURIER in der Friedrichstraße 10.

Kalender Der zehnte Balinger Hospizkalender „Jegliches hat seine Zeit“ wird am Mittwoch, 29. Oktober, um 18 Uhr in der Balinger Rathausgalerie vorgestellt. Mit dabei ist die Schirmherrin des ersten Kalenders, die Schauspielerin Ursula Cantieni. Anlässlich des Jubiläums gibt es ein Begleitbuch mit Texten und Sprüchen von Pater Anselm Grün.

Gedenken Am Samstag, 22. November, findet um 18 Uhr ein Gedenkgottesdienst in der Balinger Friedhofskirche statt. Pfarrer Christof Seisser, Birgit Schafitel-Stegmann und Dr. Rolf Schlagenhauf erinnern an die Verstorbenen der Gesamtkirchengemeinde und an alle Begleiteten. Für sie werden Kerzen angezündet. Es singt das Vokalensemble Voices, Hearts & Souls unter der Leitung von Juandalynn R. Abernathy.

Kontakt Mehr Informationen zur Balinger Hospizgruppe gibt es unter www.hospiz-balingen.de. Ein Mitarbeiter ist 24 Stunden über das Hospiztelefon, Telefon 01 51/41 27 07 27, erreichbar.

(aus: Zollern-Alb-Kurier, Ausgabe vom 11.10.2014, Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des Verlages)